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Russlanddeutsche Vielfalt und Suche nach Identität

Statistik:

Jörg Knoblauch,
"Gemeindeaufbau Forschung:
Die am besten besuchten
protestantischen
Gottesdienste in der
Bundesrepublik Deutschland
(1988). In der Auflistung
der 85 bestbesuchten
Gottesdienste mit mehr als
400 Besuchern sind allein
26 Aussiedlergemeinden
vertreten. Die Top 1-6
sind reine
Aussiedlergemeinden.
In einer anderen Tabelle
(1994) werden 127 Gemeinden
mit einer Besucherzahl
von über 400 Besuchern
aufgelistet. 60 Gemeinden
davon sind
Aussiedlergemeinden. Es
muss jedoch dazu gesagt
werden, dass die Quantität
nicht notwendigerweise
Aufschluss über die
Qualität des
Gemeindeaufbaus gibt.

Durch den starken Zuzug von täuferisch Gesinnten aus der ehemaligen UdSSR hat sich das Bild der Freikirchen in Deutschland drastisch gewandelt. Dabei haben die meisten Aussiedler (häufige Bezeichnungen: Russlanddeutsche, Volksdeutsche, Deutschstämmige, Sowjet-deutsche, Heimkehrer und Umsiedler) eigene Gemeinden gebildet, die eine überdurchschnittliche Wachstumsrate aufwiesen. Von 1950 bis 2006 wanderten ca. 2.600.000 Russlanddeutsche aus der Sowjetunion in die Bundesrepublik Deutschland ein. Die Hälfte der Aussiedler ist evangelisch-landeskirchlich, ein Viertel ist katholisch. Vorsichtigen Schätzungen zu Folge gehören ca. 280.000 bis 300.000 der eingewanderten Immigranten zu den beiden Freikirchen der Baptisten (ca. 65%) und Mennoniten. Obwohl die Einwanderung der mennonitisch geprägten Spätaussiedler in den letzten Jahren stark zurückging, weisen die russlanddeutschen Gemeinden dennoch starkes Wachstum auf. Viele russlanddeutschen Gemeinden sind im Verhältnis zu den hiesigen Gemeinden sehr groß. Ihre Gottesdienste gehören zu den bestbesuchten in ganz Deutschland.

Die Freikirchen mit täuferischer Prägung gehören in Deutschland verschiedenen Gruppierungen an und haben unterschiedliche überregionale Strukturen. Diese "russlanddeutsche Vielfalt" ist ein weltweites Phänomen (z.B. Kanada, USA, Südamerika). Das Spektrum der russlanddeutschen Freikirchen reicht heute von einem angepassten Lebensstil bis hin zur völligen Absonderung.

Es wird nicht gelingen, jemandem "die" Freikirchen mit täuferischer Prägung zu erklären und zu sagen, worin ihr Wesen und ihre Einheit besteht, da sie sich in theologischer und soziologischer Hinsicht unterscheiden. Zusätzlich wird ein objektives Bild der augenblicklichen Lage dadurch erschwert, dass sich mindestens acht unterschiedliche Gruppierungen von Aussiedlergemeinden in Deutschland etabliert haben. Hierzu zählen „kirchliche Mennonitengemeinden", „Mennoniten-Brüdergemeinden", „Evangeliums-Christen", "Christliche Brüdergemeinden", "Baptisten", "lutherische Brüdergemeinden", „Gemeinde Gottes", "Pfingstgemeinden", und andere. Als Gemeinde haben wir das Glaubensbekenntnis der Bruderschaft der Christengemeinden Deutschlands übernommen.

Dabei wurden zum Teil alte Diskrepanzen hinsichtlich der staatlichen Registrierung in Russland und die damit zusammenhängenden theologischen Unterschiede nach Deutschland verfrachtet. Schon an diesem Punkt tritt deutlich hervor, dass die heutigen Nachkommen der Täufer längst nicht mehr ein einheitliches Gebilde darstellen. Mit dem Wachstum der Taufgesinnten in ihrer ca. 480-jährigen Tradition hat sich nicht nur die Sprache, sondern auch das kulturelle, ethnische und wirtschaftlich-soziale Umfeld sehr stark differenziert. Die Anpassung an die Lebensbedingungen in verschiedenen Gesellschaften hinterließ ihre Spuren. Man kann heute nicht mehr von "der" täuferischen Tradition reden. Aus einer gleichartigen Gemeinschaft ist eine Gruppe mit vielen verschiedenen Schwerpunkten geworden. In der Geschichte und Gegenwart erkennt man immer wieder, dass die Freikirchen mit täuferischer Prägung in der Absonderung die beste Garantie für die Pflege ihrer biblischen Werte, Tradition und Lebensführung sehen.

Kirchengeschichtlich waren unsere Vorfahren eine Gemeinde, ein Pilgervolk, das selten länger als drei Generationen an einem Ort sesshaft blieb — ein Volk unterwegs.

Liedstrophe:

Wir sind ein Volk vom
Strom der Zeit,
gespült ans Erdeneiland, voll
Unruh und voll Herzeleid, bis
heim uns holt der Heiland.
Ein Vaterhaus ist immer nah,
wie wechselnd auch die Lose:

Es ist das Kreuz von Golgatha,
Heimat für Heimatlose,
Heimat für Heimatlose!


Rudolf Kögel, 1829 -1896

Sozialgeschichtlich lassen sie sich auch als ein Volk identifizieren, mit traditionellen Kennzeichen, die auf ihre ethnische Exklusivität in Ostpreußen und Russland zurückzuführen sind. Dazu gehören ihre gemeinsamen Erfahrungen, die geographische Isolierung in Dörfern, die autonome Wirtschaftsordnung, ein unabhängiges Schulwesen und nicht zuletzt die plattdeutsche Sprache. Außerdem gab es unter ihnen seit der Revolution von 1917 ein Hin- und Herziehen, ein Ein- und Auswandern, eine zwangsläufige Verschleppung, banges Flüchten und angsterfüllende Verbannung im sowjetischen Lande. Man denke hier auch an den Zweiten Weltkrieg mit allen seinen Folgen!

Missionsgeschichtlich sind die Mennoniten eine Missionsbewegung. Dabei kommt der Gemeindecharakter zum Vorschein. Manchmal waren sie missionsarm, oft aber missionsaktiv.

 

 

 

 

 

Luyken Jan, Hinrichtung der Anneken Hendriks auf dem Scheiterhaufen, 1571 in Amsterdam, Kupferstich aus dem 17. Jh
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